Debatte. Recycling. Wertkritik. Bonzen.

Lysis erstellte kürzlich zu einer aktuellen Diskussion zwei interessante Artikel, deren Stossrichtung ich teile. Besonders folgender Absatz von Horkheimer scheint mir sehr treffend: «Ein feiner Trick: das System zu kritisieren soll denen vorbehalten bleiben, die an ihm interessiert sind. Die anderen, die Gelegenheit haben, es von unten kennenzulernen, werden entwaffnet durch die verächtliche Bemerkung, daß sie verärgert, rachsüchtig, neidisch sind. Sie haben «Ressentiment»». Schorsch wiederum hat darauf zwei Antworten verfasst und tritt darin mit einigen Relativierungen in etwa breit, was die Wertkritik seit Jahre breit tritt. Nicht nur werden in dieser Ideologie die konkreten Funktionsträger des Kapitals zu Charaktermasken in dem Sinne, dass sie nur noch Getriebene sind. Auch wird die Arbeiterklasse als total unter des Kapitalverhältnis subsumierte zum vollständig kapitalistisch determinierten Anhängsel. Anstelle der konkreten menschlichen Praxis tritt das Kapital als «automatisches Subjekt». Statt die Praxis als zentrale Kategorie zu erfassen und damit auch die mögliche Abschaffung theoretisch zu erkennen, tritt der Moloch Kapital als alles bestimmende und beherrschende Struktur auf. Marx sprach zwar auch von einem «automatischen Subjekt», allerdings bloss um den Prozess der Selbstverwertung des Werts zu fassen. Im Folgenden kritisiert Marx aber diese Vorstellung als ideologisch, weil auf dieser Ebene der Darstellung der Mehrwert nicht erklärt werden kann (es sei denn als Preisaufschlag). Stattdessen nimmt er den Gebrauchwert der Arbeit als Quelle von Wert in den Fokus und löst die Mär vom «automatischen Subjekt» auf in die «Verfügung über ein bestimmtes Quantum unbezahlter fremder Arbeit». Damit wird die Formel G – W – G‘ eben ausformuliert zu G – W – P – W‘ – G‘ und im Zentrum stehen nun der Produktionsprozess und damit auch die konkreten ArbeiterInnen, die an ihren Arbeitsplätzen tagtäglich das Kapital (re)produzieren. Eigentlich wollte ich aber an dieser Stelle keine in ihrer Kürze zugespitze Anmerkung zur Wertkritik schreiben, sondern bloss was zur aktuellen Debatte recyclen:


Frau küsst Hund

Eine besonders schlimme Art des Neides ist ja bekanntlich die des Sozialneides. Bürger, Antideutsche und Pfaffen sind sich darin einig, dass diese Art des Neides ohne Umweg zu Pogrom und Massenmord führen muss. Zugegeben: Man darf den Hass auf die Reichen in St. Moritz, an der Côte d‘ Azur und auf RTL Exklusiv nicht mit dem Hass auf die Zustände verwechseln. Doch darin immer gleich eine Tendenz ins Toschlagen, ins Völkische oder in den «regressiven Antikapitalismus» – welche wunderbare Wortschöpfung der organisierten politischen Verblödung – zu sehen, ist im Mindesten so falsch wie im Sozialneid a priori revolutionäre Energie zu vermuten. Allerdings, und das sei an dieser Stelle mal deutlich festgehalten, ist, in Anbetracht der eigenen permanenten Verdingung im Produktionsprozess, die Vorstellung doch sehr erquicklich, man würde an einem Banquet in St. Moritz mit einem Trupp von argen Sozialneidern auffahren, den anwesenden Damen und Herren ihr Buffet wegspeisen und ihr Mobiliar dergestalt zertrümmern, dass sie nachhaltig eingeschüchtert sind.


20 Antworten auf “Debatte. Recycling. Wertkritik. Bonzen.”

  1. 1 narodnik 30. Oktober 2008 um 10:15 Uhr

    Sehr richtig.

  2. 2 gruenundgrau 30. Oktober 2008 um 10:22 Uhr

    Horkheimer spricht aber von einem Sozialneid der das Wort Sozialneid noch verdient, wo den Reichen das gute Leben und mühelose Einkommen geneidet wird. In den meisten Fällen wo mir heute Sozialneid begegnet hat er sich aber längst mit irgendwelchen Gerechtigkeitsvorstellungen gekreuzt und ist damit kein Nährboden sozialistischer oder kommunistischer Positionen, ausser vielleicht im Sinne der Sozialdemokraten_innen aller coleur. Die Sehnsucht ist ihm längst ausgetrieben und dem verbissenen Wunsch nach Gerechtigkeit gewichen. Sie überwintert eher im Traum des Lottogewinns, ist aber einerseits noch weiter ins jenseits gerückt und zum anderen viel stärker mit dieser Gesellschaft verknüpft. Fürs Lotto wird mit der Zahl der Millionen die zu gewinnen sind beworben, während der Neid gegen über den Reichen noch deren Pompt und Müßiggang vor Augen hatte. Gemeinsam die Feste der Reichen plündern ist unbedenklich, aber wozu das Mobiliar zertrümmern an dem es einen selbst mangelt? Aufständisch wäre es, es unbeeindruckt in die eigene Wohnung zu tragen, wo es einen jeden Tag mahnen würde, wie das leben doch auch aussehen könnte, wenn wir es uns nehmen.

  3. 3 classless 30. Oktober 2008 um 12:12 Uhr

    Die Zertrümmerungsaktion könnte den Beteiligten Spaß machen und als Frustventil dienen, was aber ist damit gewonnen, daß die „Damen und Herren“ hinterher eingeschüchtert bei ihrer Versicherung anrufen?

  4. 4 Klaus Last 30. Oktober 2008 um 18:17 Uhr

    grünundgrau:
    Solltest du tatsächlich das Mobiliar mit zu dir nach Hause schleppen wollen, wird dir relativ schnell und eindringlich der Gewaltzusammenhang «bürgerliche Gesellschaft» vor Augen geführt. Ich weiss nicht genau, in welchen Zusammenhängen dir Sozialneid begegnet, ich kenn ihn von mir selbst und von Freunden von mir: Und natürlich würd ich gerne die Luxusjacht und die Villa mit nach Hause nehmen, geht das nicht, dann erfreut es mich aber auch, wenn sich die betreffenden Besitzer ob der Zerstörung ängstigen oder wenigstens etwas verblüfft sind über die «sinnlose Gewalt». Was das bringt, classless? Etwas befriedigung? Etwas Spass? Etwas Ärgerabbau? Und vielleicht find ichs auch einfach gut, dass die Leute die ganz offensichtlich von den beschissenen Umständen profitieren – und sich darin häufig auch noch für was besseres halten – möglichst häufig geärgert und verängstigt werden. Wie geschrieben: Mit Revolution hat das nicht allzuviel zu tun.

  5. 5 gruenundgrau 30. Oktober 2008 um 21:26 Uhr

    von mir kenn ich son eine Art Sozialneid auch, sagt aber wahrscheinlich mehr über mich bzw. über dich und deinen Freundeskreis aus. Die Zusammenhänge wo ich hin erleb(t)e:in der schule, bei nicht linksradikalen veranstaltungen mit anderen Jugendlichen, was mein Vater von seiner Arbeit als hiwi im Gartenbau erzählt, was ich in der Bahn höhre usw.. Diese Gesellschaft macht die Menschen so müde das sie gar nicht mehr die Kraft haben zu träumen, nur das Lottospiel oder die kurzen Augenblicke vor dem Schaufenster sind geblieben. Die Welt muss schon ins Wanken kommen, das man sich traut dochnochmal zu träumen, wie etwa mein Vater der bei der Umstellugn der Computer auf 2000 im allgemeinen Trubel eine zeitlang die Hoffnung hegte das die Geldautomaten tausende ausspucken würden, statt die mickrigen Kröten die man mit der Maloche verdient. Der von mir beschriebene, längst mit der Gerechtigkeit verwachsene sozialneid, findet sich übringens auch in den reden der „populisten“, die oft eine relativ gute Nase dafür haben, wo sie die leute von der schlechtesten Seite packen.
    Sicherlich gibt es auch überall erfreuliche Ausnahmen, aber es ging ja um das gesellschaftliche Phänomen.
    Dein Einwand das die Polizei den Aufrührer_innen schon zeigen würde was ne Hake ist, ist berechtigt. Du ignorierst allerdings das die Veranstaltungen dieser Personenkreise nicht all zu selten von bulligen Sicherheitsleuten bewacht sind und die polizei bei solchen Anrufen nicht lang auf sich warten lässt. Auch die strafen für das zertrümmern der Möbel wird sicher nicht ungesühnt bleiben.

    Angst haben die Reichen im übrignens sowieso, man sehe sich nur die Verkaufszahlen z.b. von Panik-rooms an, von Sicherheitssystemen usw.

    die Frage ist übringens nicht ob das ganze etwas mit der ach so fernen Revolution zu tun hat, sondern damit ob es sich dabei um eine Rebellion handelt, einen Aufstand so parziell er auch sein mag, von dem mehr bleibt als die Geschichten die die Reichen noch ihren Kindern erzählen werden, von den armen und erbärmlichen Sozialfällen die doch einmal tatsächlich aus lauter Sorge ihr Mobiliar zertrümmertene.

    p.s. weil es mir sozusagen nachträglich einfällt: die von die beschriebene Aktion wäre auch dann Rebellion, wenn sie als Aufstand gegen die eigene Ohnmacht stattfände und als solche ihre Spuren in den beteiligten hinterlassen würde.

  6. 6 Klaus Last 31. Oktober 2008 um 0:07 Uhr

    Ich habe nicht die Zerdepperung von teuerem Porzellan mit der kommunistischen Revolution in Eins gesetzt und wollte auch nicht unterstellen, dass du das tust. Aber die Frage, ob denn nun so ein Scherbenhaufen «Spuren» im Bewusstsein der Beteiligten hinterlässt, die hast nur du an die Sache herangetragen! Ich habe ja sowas gerade bloss als Ausdruck von – durchaus verständlicher – Aggression bezeichnet und geschrieben, dass sowas weder ins Pogrom noch zur Revolution führen muss. Mir ging es ausschliesslich darum, dass das «Schlimmschlimmschlimm» welches (antideutsche) Wertkritiker im Falle des auch schon bloss verbal geäusserten Sozialneides vor sich hinmurmeln oder -schreiben halt einfach bescheuert ist und letztlich davon abstrahiert, dass man beim Scheissefressen in der Regel keine Kritik an kapitalitischen Strukturen zu Stande kriegt. Und nochmals: Das heisst mitnichten, dass aus dem Scheissefressen automatisch sowas wie revolutionäres Bewusstsein folgt!

  7. 7 classless 31. Oktober 2008 um 11:31 Uhr

    So sehr ich die Erlebnisfunktion der Sache kapiere, so sehr geht mir aber doch die Genugtuung bezüglich der eingeschüchterten „Reichen“ ab.

  8. 8 gruenundgrau 31. Oktober 2008 um 15:02 Uhr

    mir ist klar das du die frage nach revolte oder revolution nicht an den Gegenstand herangetragen hast (wenn auch ein ungleichgewicht zwischen dem zurückweisen des regressionsvorwurfs und dem zumindest nicht apriori revolutionären sozialneid steckt, den du ja gleich auch noch praktisch werden lässt). wenn es aber weder revolte oder gar revolution ist, dann ist es auch nur der alte öde alltag der sich in neuer form präsentiert, warum soetwas einen dann aber erquicken sollte ist mir unklar. wenn es nicht das rebellisch ist das dich erfreut, dann hat die ganze veranstaltung etwa den wert eines actionfilms: unterhaltung im öden alltag. Warum aber sollte ein Kommunist soetwas abfeiern oder sich daran erfreuen?
    im übringen ist dein Bsp. des zertrümmerns ja grade eins in dem die menschen keien scheiße fressen, wenn überhaupt also scheiße spucken.

  9. 9 gruenundgrau 31. Oktober 2008 um 15:04 Uhr

    nachtrag
    @cassless

    du bist scheinbar einfach zu gut für diese welt.

  10. 10 Klaus Last 31. Oktober 2008 um 19:35 Uhr

    Es ging hier doch zuallererst darum, dass sowas nicht schlimm(!) ist. Das war doch eigentlich schon alles. Dass ich das dann auch noch ganz lässig find und eigentlich ganz gerne machen würde (lieber aber noch mit Aneignung des Reichtums der betreffenden Personen), das mag ein Geschmacksurteil sein. Eines allerdings, das damit korrespondiert, dass ich als Kommunist die elend eingerichtete Welt als gesellschaftliches Problem bekämpfe aber auch ihre Nutzniesser verachte.

  11. 11 Klaus Last 31. Oktober 2008 um 19:38 Uhr

    Classless:
    RTL Exklusiv lehrte mich einst den Hass. Keine Vollzeitbeschäftigung, aber ab und an scheint was durch.

    Ansonsten sei dir das völlig unbenommen, dass du bezüglich der Einschüchterung keine Genugtuung verspürst. Solange du daraus keinen kategorischen Imperativ bastelst.

    PS: Es ist dann auch was anderes, wenn man konkrete Menschen vor sich hat, statt bloss darüber im Internet zu schwätzen.

  12. 12 classless 31. Oktober 2008 um 23:22 Uhr

    Keine Ahnung, vielleicht bin ich echt ein Hippie. Ich habe ein sehr taktisches Verhältnis zur Gewalt und auch zu lautstarkem Reden und dergleichen – wenn es irgendwie anders geht, würde ich das immer bevorzugen. Vermutlich weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, daß es besser wird, wenn es schlimmer wird.

  13. 13 classless 31. Oktober 2008 um 23:25 Uhr

    Also wieder:

    „als Kommunist die elend eingerichtete Welt als gesellschaftliches Problem bekämpfe“

    - ja!

    „aber auch ihre Nutzniesser verachte“

    - nee! Wobei verachten auch schon eine abgeschwächte Form davon ist, ihre Einschüchterung gut zu finden. (Und ich auch nicht behaupten würde, daß ich nicht auch auf allerlei Attribute des Reichtums negativ konditioniert bin – bin ja ausm Osten ;-) )

  14. 14 abdel kader 01. November 2008 um 19:02 Uhr

    Thomas Maul hat auch eine Meinung zum Thema:

    Vielmehr geht es dem Autor um einen ästhetisierenden Individualismus, der sich auf Nietzsche beruft und auf der Grundlage einer »Avantgardetheorie« zur Kritik subalterner »Sklavenmoral« ansetzt. Nach dieser Logik »erzeugt die Erniedrigung in den Erniedrigten Ressentiment«. Um diesem zu entkommen, sollten die Subalternen sich ihre Herren zum Vorbild nehmen, da »Bildung, Souveränität, Würde und Freiheit gerade den verhassten reichen, weißen, heterosexuellen Mann zum ›Menschen der Zukunft‹ machen«.

    Aus: Kopftuch vs. Bikini

  15. 15 alkohol 01. November 2008 um 20:09 Uhr

    Doch darin immer gleich eine Tendenz ins Toschlagen, ins Völkische oder in den «regressiven Antikapitalismus» – welche wunderbare Wortschöpfung der organisierten politischen Verblödung – zu sehen, ist im Mindesten so falsch wie im Sozialneid a priori revolutionäre Energie zu vermuten.

    Zumal ja der Neid auf ein „Mehr“, das wer anders hat, bei Bürgern, Pfaffen und „Anti“deutschen ja nun auch nicht seltener ist. Er wird bloß durch moralische Argumente zu rechtfertigen versucht.

  16. 16 alkohol 01. November 2008 um 22:35 Uhr

    @ classless

    „Keine Ahnung, vielleicht bin ich echt ein Hippie. Ich habe ein sehr taktisches Verhältnis zur Gewalt und auch zu lautstarkem Reden und dergleichen – wenn es irgendwie anders geht, würde ich das immer bevorzugen. Vermutlich weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, daß es besser wird, wenn es schlimmer wird.“

    Glaube ich auch, dass du ein Hippie bist. Reiche, die den Makel des Sozialneids höchstens in Form der Meinung haben, dass die Stütze des proletarischen Kroppzeugs immer noch zu viel ist, haben ja die offizielle Gewalt auf ihrer Seite. Sie sich müssen ihre Hände nicht schmutzig machen; daher erscheinen sie so friedlich.

  17. 17 classless 02. November 2008 um 15:08 Uhr

    Nee, es geht nicht darum, was ich von den Leuten halte oder wie sie rüberkommen, sondern an welchen Handlungen ich mich weide. Das ist ein Riesenunterschied.

  18. 18 alkohol 02. November 2008 um 17:16 Uhr

    „Nee, es geht nicht darum, was ich von den Leuten halte oder wie sie rüberkommen, sondern an welchen Handlungen ich mich weide. Das ist ein Riesenunterschied.“

    Du weidest dich also lieber an dem zivilisierten Benehmen der feinen Leute.
    Da meine ich halt, dass dieses zivilisierte Verhalten wie ja auch Frieden schon eine Menge Gewalt zur Bedingung haben. Und Gewalt ist nicht auf einmal keine Gewalt mehr, sobald sie institutionalisiert ist. Auch wenn Hannah Arendt was anderes behauptet.
    Das ist keine Frage des (guten) Geschmacks.

  19. 19 classless 03. November 2008 um 14:23 Uhr

    „Du weidest dich also lieber an dem zivilisierten Benehmen der feinen Leute.“

    Ach Gottchen, ja, das finde ich natürlich ganz toll.

  1. 1 Alkohol gegen einen klassenlosen Dichter und Denker | Das geprüfte Argument Pingback am 02. November 2008 um 14:21 Uhr
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