Die Welt als Wahn (3)

Beat Kappeler war mal Sekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes und mit der politischen Verwaltung des variablen Kapitals betraut. Nun ist er schon seit einigen Jahren freier Wirtschaftsjournalist und mit der ökonomischen Verklärung der Welt beschäftigt. Gerettet hat er sich selbstverständlich den Blick auf die Proleten als Zahlen einer Statistik und als Probleme, die zu lösen sind. Darum schreibt er in der NZZ am Sonntag einen Artikel unter dem Titel «Je schlimmer die Krise, desto grösser wird die Hoffnung». Klar, Herr Kappeler: Je dreister eine Lüge, desto grösser ist ihre Wirkung.


Beat Kappeler; Je falscher das Geschriebene, desto besser das Gefühl

Als Beispiel hoffnungsvoller Wendungen nennt er zwei Annahmen aus der «kleinen Alltagswelt»:

«Wenn lange wenig gebaut wird, dann regt sich irgendwann das Interesse für bestehende Häuser, ihre Preise steigen wieder an, die Hypotheken darauf werden sicherer, die Banken verlieren weniger. Hunderttausende haben ihr Haus abgegeben und Geld verloren, hundertausende junger Paare kaufen mit wenig Geld ihr erstes Heim oder mieten sich günstig ein.»

Da haben also die Leute ihre Häuser abgegeben, wie man einen lästigen Mantel an der Garderobe der Oper abgibt und machen sich’s drinnen bequem. Blöderweise zieht’s im Saal und es ist auch kein Ende der Aufführung abzusehen. Das ist Kappeler aber egal, denn schliesslich soll man hoffnungsvoll sein. Die nun Obdachlosen überlassen ihre Immobilien jungen Paaren, also dem Fundament eines gesunden Volkes. Hurra! Den hundertausend obdachlosen Proleten wird das aller Voraussicht nach egal sein. Im Winter ist es draussen auch kalt, wenn drinnen Kappelers und junge Paare am Kamin sitzen. Und wenn übrigens die Imobilienpreise wieder steigen, dann mieten oder kaufen die Paare die Häuser eben nicht günstig. Zudem müssen sie das Geld für den Kauf ja auch erstmal haben, da die Banken momentan mit Krediten eher «zurückhaltend» sind. Dummerweise kommt da aber erstmal noch die Kreditkarten-Überschuldung auf uns zu. Ein Grund zur Hoffnung!

Dass die Banken weniger verlieren ist Kappeler natürlich das erste Anliegen. Dies liegt aber – ganz entgegen seiner liberal-bornierten Auffassung – in erster Linie an den staatlichen Rettungspaketen, die eben jene Finanzinstitute vorerst vor dem Untergang gerettet haben.

«Nehmen wir die andere schlechte Meldung, dass so viele amerikanische Arbeitslose wie im fernen 1991 auf der Strasse stehen. Schlimm für die Arbeiter, gut für die Firmen, die jetzt mit weniger Kosten pro Stück fahren, also die Produktivität steigern, die Preise mässigen und so die Nachfrage anlocken. Eines Tages werden sie die billigen Importe eindämmen und wieder Leute anstellen.»

Die Parteilichkeit für das Kapital und gegen die Arbeiter wärde damit offen ausgesprochen. Danke.
Was Kappeler hier verbricht, ist eigentlich bloss noch in Kategorien der Psychpathologie zu erklären. Es soll also Hoffnung machen, dass nach einer Zeit der zu erwarteten Rezession und Massenarbeitslosigkeit der Status Quo wieder hergestellt werden soll. Freut sich Herr Kappeler auch auf jede Grippe, weil er nach einigen Tagen möglicherweise wieder gesund werden wird? Wäre die Lüge wahr, die Kappeler hier – wahrscheinlich wie Adornos bekannter Deutscher – erzählt, sie wäre dennoch idiotisch. Bekannt ist aber, dass bei Anwachsen der industriellen Reservearmee der Preis der Arbeitskraft sinkt. Was Kappeler da also als grosse Chance verkauft, bedeutet für den Arbeiter im Falle einer Wiedereinstellung einen tieferen Lohn. Zudem vergisst der liberal-bornierte Blick, was die im Auftrieb sich befindlichen Keynesianer immer grossartig vortragen: Wenn da massenhaft Leute arbeitslos werden und entsprechend weniger Kohle im Geldbeutel haben, dann wird auch der Konsum zurückgehen und entsprechend der Absatz schrumpfen.

Dass die «billigen Importe» nicht das Problem sind, sondern gerade zum Lebensstandart notwendig sind, so dass die USA im Jahre Konsumgüter im Wert von etwa 500 Milliarden Dollar aus China importieren, das weiss Kappeler als «freier Wirtschaftsjournalist» selber. Weil er als solcher aber auch «weiss», dass der Markt das schon alles irgendwie regeln wird, will er es einfach gar nicht hören. Und darum will er auch einfachste Kausalzusammenhänge nicht oder nur falsch herum wahrnehmen: Arbeitslose gibt es im Kapitalismus häufig, weil die Produktivität steigt. Weil also neue Maschinen und Arbeitstechniken eingeführt werden, wird es nicht für alle Beteiligten angenehmener, sondern ein Teil der Angestellten wird aufs Pflaster geschmissen (wenn denn nicht der entsprechende Marktanteil vergrössert wird). Nun kehrt Kappeler diesen Zusammenhang einfach um und behauptet, dass die massenhafte Freisetzung von Arbeitskräften zu einer Produktivitätssteigerung führt. Das ist etwa so borniert, wie zu behaupten, die liberalen Wirtschaftsjournalisten würden einen solchen Unsinn zusammenschreiben, weil sie dumm seien. Umgekehrt verhält es sich mit den Kappelers dieser Welt: Sie sind und schreiben darum so dumm, weil sie den Standpunkt des Liberalen noch gegen jeden empirischen Beweis behaupten.


2 Antworten auf “Die Welt als Wahn (3)”

  1. 1 Thommen 24. November 2008 um 15:46 Uhr

    An der Sprache sind „sie“ meistens zu erkennen! (Die Konvertiten!) ;)

  2. 2 Alejandra 10. März 2011 um 17:17 Uhr

    Die welt als wahn 3.. I like it :)

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