Der JUSO. Eine Prophylaxe (Teil 1)

Cédric ist jung. Cédric ist links. Also geht Cédric zur JUSO. Und weil Cédric schlau ist – schliesslich studiert er an einer Universität mit vielen anderen schlauen Leuten – wird er bei der JUSO Politiker. Aber nicht irgendeiner. Nein! Cédric wird ein frecher Politiker, denn er ist ja jung und links. Und darum kifft Cédric auch an einem öffentlichen Podium zur «vernünftigen Hanfpolitik», piesakt die Manager mit «kritischen Aktionen» oder spielt in der Öffentlichkeit an sich rum (Bild). JUSO halt. Politiker halt. Könnte man da sagen und ihn der Peinlichkeit überlassen. Könnte man. Sollte man vielleicht auch. Allerdings hat Robert Gernhardt einst schön auf den Punkt gebracht, was auf Cédric zutrifft: «Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche». Und weil Cédric ein besonders erfolgreicher JUSO-Politiker ist, welcher von sich behauptet, dass sein Denken «von den Schriften von Karl Marx und Rosa Luxemburg» geprägt sei, wird er an dieser Stelle als Exemplar der Gattung behandelt.


Cédric Wermuth (ganz rechts) «Lieber JUSO als im Pelz!»

Bevor Cédric Präsident der JUSO und (vor wenigen Tagen) Vize-Präsident der SP wurde, war er noch jünger. Bevor er also das kürzlich verabschiedete Sicherheitspapier der SP (Kurzform: Mehr Bullen, weniger Ausländer) öffentlich mitabnicken musste, war er auch noch kritischer. Damals – das war 2005 – hielt er eine Rede anlässlich des 1. Mai in Lenzburg. Darin wird vieles deutlich, was er und andere «kritische» Jugendliche an Karl Marx überhaupt nicht verstanden haben – aber nach Gernhardt dennoch in einigen Jahren als Marxismus «kritisieren» wollen.

«Die Linke und besonders auch die Sozialdemokratie von heute vergisst nämlich, dass die Idee des Klassenkampfes und der Existenz des Proletariats nicht etwa nicht mehr zeitgemäss sind, sondern sich nur verschoben haben. (…) Der grosse Graben besteht heute nicht mehr zwischen der nationalen Bourgeoisie und Arbeiterschaft, sondern zwischen, Nord und Süd, zwischen Europa und Amerika einerseits und dem Rest der Welt – mit einigen Ausnahmen – andererseits.»

Richtig einerseits, dass die kapitalistische Gesellschaft notwendig eine Klassengesellschaft bleibt. Um so falscher allerdings, dass das Klassenverhältnis sich heute auf die internationale Ebene verschoben habe. In dieser Vorstellung kommen gleich eine ganze Reihe von Missverständnissen zum Ausdruck. Die Klassenkategorie ist keineswegs eine moralische, welche zwischen besonderem Elend auf der einen und Wohlstand auf der anderen Seite unterscheidet. Da spielt es keine Rolle, dass sich heute kaum noch eine Dame aus den gehobenen Kreisen über die proletarischen Lumpen in Europa beschwert, «die teils durch ihre zerlumpte Kleidung und ihr krankes Aussehen, teils durch ekelhafte, offne Wunden und Verstümmelungen das Mitleid der Vorübergehenden auf eine häufig sehr unverschämte und molestierende Weise rege zu machen suchen». Die Klasse ist objektiv bestimmt erstmals bloss ein jeder und eine jede, die vom variablen Kapitalteil (sprich: dem Lohn) abhängig sind. Deren Leben also davon abhängt, dass sie sich immer und immer wieder im Arbeitsprozess (als Anhängsel des Akkumulationsprozesses) verdingen können, so sie denn nicht von der Führsorge abhängig werden wollen. Dass diese Kategorie in Zeiten von Aktiengesellschaften und jungsozialistischer Verwirrung an ihren Rändern diffus ist: Geschenkt.

Der Fehler der Verschiebung auf die internationale Ebene löst nicht nur die analytische Dimension des Klassenbegriffs auf, sie eröffnet eine ganz neue Perspektive auf die vermeintlichen «Klassenverhältnisse». Damit bügelt man die ökonomischen Differenzen einfach mal so ab und verschiebt den Antagonismus der Klassen, welcher auch durch jede Nation verläuft, hin zu Kollektiven, die faktisch nichts gemein haben ausser ihrer staatsbürgerlichen Einpferchung. Von diesem Standpunkt kann man dann nicht bloss den Verzicht von den verwöhnten «Westlern» fordern, sondern kriegt über Entwicklungshilfe und Entschuldungskampagnen den politischen Fokus gleich ganz von der Klasse weg. Da interessiert es dann auch gar nicht mehr, dass in der Schweiz knapp 5% sogenannter «Working Poor» leben. Und erst recht will man nicht hören, dass unqualifizierte Arbeiter, so sie denn den Wünschen des Kapitals entsprechend sich zur «Keimzelle des Staates» ergo zur Familie mit einer Proletarierin (oder umgekehrt) zusammengeschlossen haben, nach Familie und Steuern noch kaum was für Ferien oder besondere Ausgaben auf der hohen Kante haben. Das «historisch-moralische Moment» (Marx) des Lohnes verwirrt kritische Kritiker wie Cédric dermassen, dass sie nur noch Entbehrung, Zwang und Ausbeutung sehen, wo das Elend einem offensichtlich ins Gesicht schlägt.

«Menschenverachtende Arbeitsbedingungen, fehlende Mitbestimmungen, Unterdrückung, politische Repression oder krasse Verletzungen der Menschenrechte (alles Hautkritikpunkte der marxistischen Analyse) sind nicht etwa aus der Welt verbannt. Das Proletariat existiert weiterhin, hier und heute genau unter uns und auf der ganzen Welt.»

Das Proletariat existiert unter Cédric und seinen politischen Mitstreiter, das ist richtig. Dass das Problem an Lohnarbeit nicht ihre «menschenverachtende» Verfassung ist, sondern da ein kategoriales Problem vorliegt, welches mit «Lohn, Preis und Profit» zusammenhängt, das will Cédric nicht hören. Und darum verweist er auch auf «politische Repression», «fehlende Mitbestimmung» und «Verletzung der Meschenrechte». Kurz: Demokratie, Demokratie und Demokratie können diesen Zustand aufheben. Gut gemacht. An der richtigen Stelle des Gewaltzusammenhangs «Demokratie» steht der Bursche ja bereits. Auf den letzten Punkt soll hier noch kurz gesondert eingegangen werden, weil er ein besonderes Missverständnis deutlich macht:

Cédric behauptet, dass die «Verletzung der Menschenrechte» ein besonderes Augenmerk der marxschen Kritik sei. Wollen wir kurz hören, was der Kommunist Karl Marx einst dazu geschrieben hat: «Die praktische Nutzanwendung des Menschenrechtes der Freiheit ist das Menschenrecht des Privateigentums. […] Keines der sogenannten Menschenrechte geht also über den egoistischen Menschen hinaus, über den Menschen, wie er Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, nämlich auf sich, auf sein Privatinteresse und seine Privatwillkür zurückgezogenes und vom Gemeinwesen abgesondertes Individuum ist. Weit entfernt, daß der Mensch in ihnen als Gattungswesen aufgefaßt wurde, erscheint vielmehr das Gattungsleben selbst, die Gesellschaft, als ein den Individuen äußerlicher Rahmen, als Beschränkung ihrer ursprünglichen Selbständigkeit. Das einzige Band, das sie zusammenhält, ist die Naturnotwendigkeit, das Bedürfnis und das Privatinteresse, die Konservation ihres Eigentums und ihrer egoistischen Person» (Karl Marx; Zur Judenfrage). Marx spricht hier von den gesellschaftlichen Voraussetzungen der Menschenrechte und dies war auch «Hauptaugenmerk» seiner Kritik: Die bürgerliche Gesellschaft inklusive ihrer linken Verteidiger. Es geht um die Kritik an Zuständen, die sowas wie Menschenrechte erst erforderlich machen. Die aber auch die Vorstellung einschliessen, dass der Mensch immer bloss als abstrakt Gleicher zu behandeln sei, dass er vor dem Gesetz unbesehen seiner sozialen Situation wie alle anderen gerade zu stehen habe. Als Gleicher übrigens, der von der Gesellschaft erstmal getrennt sei (und erst über den Wert damit vermittelt wird) und als Einzelner sein Privateigentum gegen alle anderen zu verteidigen habe.

«Wie alle Rechte brauchen auch die Menschenrechte eine bewaffnete Instanz, welche ihre Durchsetzung garantieren kann und so ist es auch: Noch im hinterletzten von einer demokratischen Nation geführten Krieg geht es doch hochoffiziell um die Durchsetzung der Menschenrechte. Sei dies nun im Kosovo, in Afghanistan oder kürzlich im Irak. Die realen nationalen Interessen verschwinden hinter humanem Geraune. In der Regel decken sich die wirklichen materiellen Interessen auch mit den Menschenrechten, da der Normalmodus kapitalistischer Ausbeutung in stabilen gesellschaftlichen Verhältnissen leichter rund läuft. Und genau dies versprechen die Menschenrechte, indem sie das Recht auf Privateigentum, die Freiheit, seine Arbeitskraft zu verkaufen, die Zugehörigkeit zu einer Nation und den Rechtsstatus als solchen garantieren. So ist die Frage zwischen Diktatur und demokratischer Herrschaft eine der ökonomischen und politischen Nützlichkeit. Kurzum: Die Menschenrechte sind – faktisch allerdings nur in Form der Bürgerrechte – schlicht die Grundlage der kapitalistischen Gesellschaft.

Natürlich ist es zu unterstützen, dass niemand gefoltert oder in Sklaverei gehalten wird! Doch dass dieser menschenvernünftige Umstand in Gesetze gegossen werden muss, sagt vieles über die kapitalistische Gesellschaft aus. In einer Welt, in der die Menschen in Konkurrenz gegeneinander geworfen werden und sich Klassen objektiv unversöhnlich gegenüberstehen – unabhängig davon, ob diese an der Oberfläche wahrnehmbar sind –, braucht es eine Rechtsform und deren Garanten, damit sich die einzelnen Menschen, die Klassen und letztlich die Staaten nicht gegenseitig an die Gurgel gehen. Dass der grösste Teil der Weltbevölkerung als Teil der ausgebeuteten Klasse allen Grund hätte, dem System und seinen RepräsentantInnen an die Gurgel zu gehen, das will weder die linke Politikerin, noch der nette Sozialarbeiter hören.» (Gruppe Eiszeit)

Da die Aufmerksamkeitsspanne des gemeinen Blogkonsumenten 10′000 Zeichen nicht übersteigt, wird die Kritik in einem zweiten Teil fortgesetzt.


4 Antworten auf “Der JUSO. Eine Prophylaxe (Teil 1)”

  1. 1 georg 30. Oktober 2008 um 14:10 Uhr

    Der grosse Graben besteht heute nicht mehr zwischen der nationalen Bourgeoisie und Arbeiterschaft, sondern zwischen, Nord und Süd, zwischen Europa und Amerika einerseits und dem Rest der Welt – mit einigen Ausnahmen – andererseits.

    wie war das schon wieder mit der „selbstaufhebung des proletariats“? naja. in dem verein hocken viele vollidioten, welche von sich behaupten, marxisten zu sein..

    p.s. böse zungen behaupten, wenn der cédric betrunken ist, dann singt der sogar stalin-liedchen…

    p.p.s. ich hörs noch von weitem in meinem köpfchen nachdröhnen. sone scheisse vergisst man nicht sehr schnell… „hängt genossen stalin…“(repeat) „…s bilder wieder an die wand..“

  2. 2 blackstar 02. November 2008 um 14:14 Uhr

    Das Schauspiel welche sie das letzte mal vor der UBS veranstaltet haben war ja wohl der Oberlacher. „Besetzung“ oder gar „Blockade“ nannten sie das, und den Bonzen wurde freundlich von den Blockierern beim drübersteigen geholfen, natürlich mit nem Smiley aufem Gesicht. Nach ein paar ‚Stück vom Kuchen-Forderungen‘ wie „Boni zrüg“ konnte dann Cedric seinen Bestand vor den Medien unter Beweis stellen. Da war nicht mehr viel von der gespielten Kampfeslust übrig, sondern es wurde ja ernst. Die ‚Muss-ich-jetzt-sagen‘-Forderungen wurden freundlich via dem schmunzelnden Bankenvertreter gefordert, dem man sicher glaubt das sie das alles noch besprechen werden und die juso und ihre aktion soo ernst nehmen – was für ne naivität. Doch, ich glaub sie werdens besprechen, auf Kaviar und Sekt sich schön amüsieren.

    Das Spiel ging für Cedric voll auf, vor den Medien hat er das gesagt was die SP von ihm hören wollte (was zu erwarten war) und wurde ja später dann auch gleich zum SP-Vizepräsident gewählt. brav cedric, brav!

    Autonomes Feuer statt angemachte Heizung – dammi! :-/

  1. 1 Der JUSO. Eine Prophylaxe (Teil 2) // teilnehmende beobachtungen Pingback am 02. November 2008 um 21:59 Uhr
  2. 2 Die Finanzkrise bringt die Menschen auf die Strasse « infovs Pingback am 12. November 2008 um 12:32 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.

Empfehlungen