Der Einbruch des Realen in den Kopf eines Professors

Der Zweckoptimismus den man nach 2 Tagen Kursanstieg bereits als «Börsen-Euphorie» bezeichnete, will irgendwie nicht so richtig greifen. Die Wirtschaft als Wille und Vorstellung scheint dann doch nicht einfach so zu funktionieren und so meldete sich gestern der postmoderne Geschichts-Professor Philipp Sarasin im Tagesanzeiger zu Wort. Titel: «Die Welt erlebt den Einbruch des Realen in das Virtuelle». Nachdem er sich – wie in diesen Tagen mancherorts zu vernehmen – für eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte und mehr Eingriffe des Staates ausspricht, wendet er sich seinem eigentlichen Metier zu. So erklärt er – wie es sich für einen Professoren gehört mittels allerhand Rückgriffe auf Autoritäten – die Welt oder zumindest die postmoderne Vorstellung von selbiger:

«Die Postmoderne hatte mit Baudrillard die Irrelevanz, ja die «Agonie des Realen» behauptet und das Zeitalter der Simulation ausgerufen. Sie beharrte mit Derrida auf der faktischen Unerreichbarkeit des Realen hinter dem Schleier der Sprache und der Zeichen, in dem unsere Versuche, mit der Welt zu tun zu haben, sich unweigerlich verfangen. Ihre theoretischen Modelle legen nahe, dass unsere Wahrnehmung der Welt nicht vom Realen, sondern einzig von den Zeichenspielen im Raum der Medien, Signifikanten und Bilder geprägt werde. Die Wirklichkeit spielte für diesen semiotischen Konstruktivismus eine ähnliche Rolle wie in besseren Zeiten die Einfamilienhäuser im Mittleren Westen der USA für die derivativen Produkte der globalen Finanzindustrie. Obwohl wir mit Lacan immer tapfer (wenn auch etwas rhetorisch) proklamierten, dass das Reale in die Welt der Bilder und Zeichen «einbrechen» könne, musste man sich um solche Dinge nicht wirklich kümmern.»

So fasst der Professor sein (ehemaliges?) Weltbild ganz treffend selbst zusammen: Alles Zeichen. Alles Diskurse. Das Einbrechen des Realen beschränkte sich bislang wohl auf Bomben die in fernen Ländern den Menschen aus ganz konkreten materiellen Interessen auf den Kopf fielen. Das sei jetzt aber alles vorbei: «Es ist (…) wohl kein Zufall, wenn sich im Reflexionsraum kulturtheoretischer Diskurse gegenwärtig der Abschied von jenen Signifikantenspielen abzuzeichnen beginnt und verschiedene Autoren nun wieder die «Präsenz» (Gumbrecht) oder die «Evidenz» (Lethen) aufrufen und einfordern: die Präsenz oder Evidenz des Wirklichen und des sinnlich Erfahrbaren in philosophischen, kulturanalytischen und historischen Beschreibungen der Welt.» Um beim Beispiel zu bleiben: Wenn Kriege ausbrechen soll man also die politischen und ökonomischen Gründe dafür untersuchen, statt die Ähnlichkeit von Langstreckenraketen und Phallus in seitenlangen Essays zu beschreiben. Oder man soll es doch unterlassen eine «transformative Hermeneutik der Quantengravitation» zu verfassen. «Ganz einfach» oder «dialektisch materialistisch» (Verzeihung) soll es dann aber doch nicht zu und her gehen, denn sonst könnte der Professor womöglich die Legitimation für seinen Job unterminieren oder wenigstens ein kritisches Wort zu Papier bringen:

«Ein einfaches Zurück zur Unmittelbarkeit der Erfahrung des Realen kann es nicht geben; dafür wissen wir zu viel über die Vermitteltheit und Konstruiertheit der Wirklichkeit im Medium von Sprachen, Bildern und Diskursen. Aber wir können nicht mehr so tun, als hätte das Netz der Sprache nicht gleichsam Kanäle und/oder Bänder zurück zu jener Wirklichkeit, wie sie sich in Zeltstädten in Nevada zeigt. Und wir können nicht länger vorgeben, als sei dieses Netz dicht genug gewoben, um uns gegen den handfesten Einbruch des Realen zu schützen. Eine Epoche geht zu Ende. Wir müssen uns im Feld der Kulturtheorien daher die Frage stellen, wie sich unser Sprechen und Theoretisieren wieder auf die Welt da draussen beziehen lässt. Entsetzt über die wirklichkeitsvergessenen Zahlenspiele der Finanzindustrie den Kopf zu schütteln, nur um in Ruhe unsere eigenen Zeichenspiele weiter treiben zu können, wäre unzeitgemäss – wenn nicht schlimmer.»

Also langsam: Man solle nun nicht mehr so tun, als spiele das Reale bei der Beurteilung der Welt keine Rolle. Klingt wie die Selbstanalyse eines in einer Wahnwelt Lebenden. Und tatsächlich ist die Betrachtung der Welt als Gewebe aus Zeichen und Diskursen ganz offensichtlich Vorstellung, die sich gegen den «Einbruch des Realen» abdichtet. Doch damit soll nun Schluss sein: «Eine Epoche geht zu Ende». Was der Mann da verkündet, ist nicht weniger als das Ende der Postmoderne. «Wirklichkeit ist kein Phantasma mehr». War sie ausserhalb der Köpfe seiner Vor-, Mit-, und Nachdenker auch nie. Wie schön wäre es, wenn man sich nicht mehr mit den Trägern dieser Ideologie (der Ideologielosigkeit; mit Pathos aussprechen) streiten müsste. Und wenn einer der Grossen dieses Denkens das Ende seines Denkens verkündet, ist zu hoffen, dass an den schaurigen Lesezirkeln zu Baudrillard, Derrida oder Sarasin auch mal ein vernünftiges Buch rumgereicht wird. Ach ja, das Kapital von Karl Marx soll in den letzten Wochen reissenden Absatz gefunden haben.


8 Antworten auf “Der Einbruch des Realen in den Kopf eines Professors”

  1. 1 classless 16. Oktober 2008 um 9:44 Uhr

    „Ach ja, das Kapital von Karl Marx soll in den letzten Wochen reissenden Absatz gefunden haben.“

    Hm, das steht im verlinkten Artikel aber leider etwas weniger reißend: seit 2005 ist der Absatz bei Karl-Dietz von 500 auf 1500 Exemplare gestiegen, und: „Besonders gefragt sei «Das Kapital» derzeit im deutschen Hessen, wo die SPD-Landesvorsitzende Andrea Ypsilanti mit Hilfe der Linkspartei Ministerpräsidentin werden will.“

    Aber wer weiß, wie’s weitergeht. Vielleicht tut die Krise doch mal, was sie soll, statt zu tun, was sie bisher meist überwiegend tat…

  2. 2 Benni Bärmann 16. Oktober 2008 um 15:23 Uhr

    @classless: Das errinnert ein wenig an den Ostblock, wo dann auch gerne mal eine Produktionssteigerung um 300% verkündet wurde auch wenn sich dahinter eine von 1 auf 3 Exemplare verbarg.

  3. 3 Klaus Last 16. Oktober 2008 um 17:02 Uhr

    Das ZK dieses Blogs bestimmt die Realität gerne selbst. Oder: Zuspitzung als Teil der Pointe?

  4. 4 classless 16. Oktober 2008 um 21:32 Uhr

    Ist schon okay, klang ja bei dir wirklich besser.

  5. 5 unkultur 18. Oktober 2008 um 19:01 Uhr

    PoMo-Basher bezichtigt anderen PoMo-Basher des PoMo-Seins und drischt herrlich auf PoMo, oder was man dafuer haelt, ein. Kritik an Texten, die andere vermutlich gelesen haben koennten – oder zumindest vom Hoerensagen her kennen.

  6. 6 Klaus Last 19. Oktober 2008 um 20:22 Uhr

    Falls du Sarasin als Pomo-Basher bezeichnen willst, solltest du das Reale in deine Vorstellung einbrechen lassen.

  1. 1 Das Ende von Post und Neo? « Bedeutungswirbel Pingback am 16. Oktober 2008 um 10:01 Uhr
  2. 2 Einbruch des Virtuellen in sich selbst? « Andersleben Pingback am 22. Oktober 2008 um 19:32 Uhr
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