Arbeit essen Seele auf

«Das sich Gleichmachen, Zivilisieren, Einfügen
verbraucht all die Energie, die es anders machen
könnte, bis aus der bedingten Allmenschlichkeit
die Barbarei hervortritt, die sie ist.» (Theo A.)

Mein Leben ist eine einzige grosse Fluchtbewegung. Als ich vor etwa zwölf Jahren morgens um sieben Uhr das erste mal den Schauplatz meiner künftigen Berufslehre betrat, wusste ich spontan: diese Welt ist falsch eingerichtet. Was sich als (Flucht)-Reaktion erst noch in übermässigem Drogen- und Alkoholkonsum äusserte, wandelte sich im Verlauf meiner Ausbildung und meines Verschleisses in eine aktive Sympathie für die RAF, welche sich blöderweise wenige Jahre später auflöste. Nicht dass ich dem Gerede von «dem Volke dienen» oder der «antiimperialistischen Front» allzuviel abgewinnen konnte, aber ich wusste: Da schiessen Leute wild um sich, weil sie die Welt, wie sie ist, nicht ertragen wollen. Und wenn sich, wie in meinem Fall, die eigene Lebensperspektive auf ein Mühsal bis zur Pension in Altersstarrsinn verengt, dann bleibt einem nicht viel…

Aktuell arbeite ich seit drei Wochen wiedermal acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Als ich am ersten Morgen das Büro im dritten Untergeschoss betrat wusste ich schlagartig wieder, warum ich Kommunist – oder was ich damals darunter verstand – geworden bin. Hungernde Kinder in entlegenen Weltgegenden? Krieg und Bomben? Paramilitärs und Folter? Tragödien sondergleichen. Nur: Momentan hab ich den Kopf voller Lohnarbeit und den Bauch voller Wut. Und das beschränkt sich nicht bloss auf den Moment der Tätigkeit, sondern okkupiert das ganze Bewusstsein. Der Stumpfsinn, der einen allmorgendlich befällt, dehnt sich über die Arbeitszeit hinaus und weicht höchstens stückweise in den der Arbeit am weitesten entrückten Momenten der Woche. Wenn man mal wieder glaubt etwas freier atmen oder meinetwegen trinken zu können, zieht einem der Gedanke an den nächsten Montag den Boden unter den Füssen weg. Eine Verschwendung des Lebens ohne gleichen. Doch niemand konduliert oder weint deswegen. Im Gegenteil, wird man doch erst so zum vollwertigen Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft. Heissa!

Während die Jugend die Legitimation der individuellen Rebellion besitzt, da der Internalisierungs- und Verbiegungsprozess noch nicht gänzlich abgeschlossen ist, werden ältere Jahrgänge die sich dem Zwang nicht unterwerfen wollen in der Regel pathologisiert (und/oder als Alkis und Sozialfälle marginalisiert). So wird die gesellschaftliche Bedingung der kläglichen Existenz zum individuellen Problem und der Betroffene zum Sozio- oder Psychopathen gemacht. Gesellschaftlich einigermassen akzeptiert bzw. totgeschwiegen wird bloss noch die sogenannte «Midlifecrisis», wenn sich alternde Männer – schockiert über den Stumpfsinn ihrer bisherigen Existenz – schnelle Autos und junge Freundinnen anschaffen und sich auch sonst äusserst sonderbar benehmen. Heute weiss ich, der Umsturz dieser Zustände, so nötig er ist, ist in den nächsten Stunden nicht zu erwarten und die individuelle Befreiung bleibt Ideologie in den Köpfen oftmals gut situierter Verzichtsprediger. Und so richte ich mich temporär ein, so gut es geht, hänge allabendlich meinen Gewaltfantasien nach und höre laute Punkmusik, in der viel geflucht wird. Tja.


9 Antworten auf “Arbeit essen Seele auf”

  1. 1 classless 27. März 2007 um 12:16 Uhr

    Ich kann für den Augenblick nur sagen, daß es hilft, nur drei oder vier Tage die Woche zu arbeiten und sich frei zu nehmen, sobald das Geld eine Weile reicht – aber das hat eine Beschäftigungsform zur Grundlage, mit der es in ein paar Jahren für mich auch düster aussieht, sollte ich nicht reich einheiraten.

    Gutes Posting!

  2. 2 Klaus Last 27. März 2007 um 19:25 Uhr

    Danke!

    Ich habe einige Jahre temporär gearbeitet (immer Einsätze von etwa 2 – 3 Wochen) und die restliche Zeit gelebt. Momentan habe ich auch vor, mit einem gewissen Polster in den Sommer zu starten und einen Beschäftigungsgrad von 60% ab Mai nicht mehr zu übersteigen (ich mache u.a. auch grafische Freelance-Sachen, wo der Stundenlohn sehr hoch ist).

    Der obige Text ist nebst einer Momentaufnahme der eigenen Befindlichkeit auch sowas wie eine Skizze des elenden Schicksals des grössten Teils der arbeitenden Bevölkerung. Nur dass die meisten sich den Zwang zum Bedürfnis zurechtrationalisieren und verbissen daran festhalten, auch wenn Totalausfälle an der Tagesordnung sind und das Wochenende in meiner Alterkategorie vorallem durch Exzesse aller Art gekennzeichnet ist.

    PS:
    Fast unaushaltbar war es vorallem in meinen Lehrjahren, als ich tatsächlich fest daran glaubte, dass ich nun bis 68 täglich Malochen gehen muss.

  3. 3 classless 27. März 2007 um 20:46 Uhr

    Tja, communists are liberals who were mugged by working place reality.

  4. 4 classless 27. März 2007 um 21:38 Uhr

    Was höre ich jetzt? Deadly Rhythm von Refused!

  5. 5 AK da Freiberufler 30. März 2007 um 22:38 Uhr

    Oh my gosh.

    Die Zwänge der individuellen Reproduktion machen eben auch vor Kommunisten nicht halt. Bei aller Mühsal die mit einer regelmäßigen Erwerbsarbeit verbunden sind, kann doch nicht geleugnet werden, dass sie die Grundlage für gesellschaftliche Partizipation ist. Gemessen an den Erfahrungen, die ich in prekären und dazu noch schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen machen durfte, hört sich die Qual der Lohnarbeit doch allzu süß an.

    Lieber in den Zwängen der geregelten Erwerbsarbeit gefangen, als sich täglich mit der Angst des Existenzverlustes rumzuplagen, selbst wenn diese Angst dann ungehemmt durch Drogenkonsum verdrängt werden kann.

    Was bleibt ist die Hoffnung auf den Kommunismus! Man wird doch noch träumen dürfen…

    In diesem Sinne: Mein Mit- und Beileid. Aber es könnte schlimmer sein, oder?

    Grüsse,

    der freiberuflich-freie AK

  6. 6 Klaus Last 31. März 2007 um 0:08 Uhr

    Schlimmer kann es eigentlich immer sein. Nur würd ich statt Scheisse immer mit einem noch grösseren Haufen zu vergleichen, eher Mögliches und Tatsächliches zueinander in ein Verhältnis setzen. Zudem ist es bei mir so, dass ich temporäre Arbeiten und andere «unsichere» Arbeitsverhältnisse bisher viel besser verkraftet habe.

    «Bei aller Mühsal die mit einer regelmäßigen Erwerbsarbeit verbunden sind, kann doch nicht geleugnet werden, dass sie die Grundlage für gesellschaftliche Partizipation ist.»

    Ich hoffe, dass du damit eigentlich das Geld meinst, welches man sich mit Arbeit verdienen muss. Ansonsten steckt da drin der Kern bürgerlicher Ideologie.

    Grüsse zurück

  7. 7 oh yeah 23. August 2007 um 11:44 Uhr

    hast ja recht, wenn man das ganze intellektuellen gesülze überliest… oder brauchst du das, um dir zu beweisen, dass du trotzdem zu was gut bist?

  8. 8 jonjon 21. September 2008 um 14:36 Uhr

    Schön geschrieben! Und treffend.
    Zu AK:
    Lohnarbeit ist nicht Partizipation an der Gesellschaft, sondern eher Prostitution an deinen jeweiligen Arbeitgeber.
    Und das ist eigentlich auch ganz klar.
    Arbeit ist ja auch nicht gleich Arbeit. Schätze mal man würde auch in einer „kommunistischen“ (was auch immer das dann entgültig ist…) Gesellschaft arbeiten (nur dort wär sie dann bestenfalls wirklich Partizipation an der Gesellschaft)

    lg

  1. 1 Unit lost. Trackback am 10. April 2007 um 16:13 Uhr
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