Pop und Flop

Über all die Super-, Music- und Dancestarsendungen wurde schon so oft geschrieben, dass man die auch einfach in den Folterkammern der Kulturindustrie vor sich hinsenden lassen könnte. Allerdings sticht schon bei beiläufiger Betrachtung der genannten Sendungen ein fundamentaler Widerspruch der kapitalisierten Gesellschaft ins Auge, welcher die Menschen eigentlich massenhaft in den Wahnsinn treiben müsste.

Da wird eine Gruppe von jungen Menschen wochenlang gemeinsam in eine Unterkunft gesteckt, wo sie fernab von Familie und Freunden zwangsläufig emotionale Bindungen untereinander eingehen. Diese Bindungen werden nun von Woche zu Woche zerrissen durch das in der kapitalistischen Gesellschaft praktisch alles regulierende Prinzip der Konkurrenz. Wenn sich die Kandidaten vor der Jury um den Verstand tanzen, singen und heulen, wissen sie nur zu gut, dass sie gerade gegen jene antreten, mit denen sie noch am Vorabend Bildchen der Liebsten ausgetauscht haben. In den Interviews mit den Kandidaten kommen dann auch allerhand Verdrängungs- und Rationalisiserungsleistungen zum Ausdruck, welche sich im normalen kapitalistischen Alltag diffuser äussern. Da erklärt doch eine Kandidatin ohne mit der Wimper zu zucken, dass sie nicht gegen die anderen antrete, sondern für sich. Oder eine andere erklärt, dass sie allen gleich stark die Daumen drücke. Eine weiteres Phänomen ist die sekundenweise Abwechslung zwischen dem freudigen Lachen über das eigene Weiterkommen und dem Weinen über das Ausscheiden der anderen. Was alle aus dem Alltag kennen, wird in der Glitzerwelt des Popgeschäfts augenscheinlich. Oder wie Marx schrieb:

«Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose «bare Zahlung».»


7 Antworten auf “Pop und Flop”

  1. 1 schnack-bot 08. Januar 2007 um 12:48 Uhr

    Tja, voll der Flop, das Marx-Zitat. Schließlich haben sich die ausführenden Agenturen des Kapitalismus überall befleissigt, zum Zwecke des Erhalts eben jenes letzteren, die irrationale Blutsbande zu stärken und die Menschen davon vollkommen abhängig zu machen. Dazu gibts einerseits Gesetze, andererseits die wiederwärtige Familienideologie (sowie den allseits beliebten Nationalismus). Hartz 4 kriegt das Familienoberhaupt überwiesen, Kinder bis 25 haben bei ihren Eltern zu wohnen und denen zu gehorchen. Statt individueller Existenzrechte gibts Kindergeld und andere Deckprämien an die Eltern überwiesen. Schlimmer noch gehts in den USA zu. Da ist der Einzelne ohne seine Familie schlicht nicht überlebensfähig. Wer zahlt sonst für Kindheit, Ausbildung, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Alter & Pflege? Mit dem immer wieder zu Unrecht gegeißelten „Individualismus“ hat das nichts zu tun – der ist hier wie dort schlicht inexistent.

    Hätt doch Marx nur Recht behalten, und Familie, Sippe & Nation wären die Trümmer der Vergangenheit – was wär das Leben schöner!

  2. 2 classless 08. Januar 2007 um 14:02 Uhr

    Ich finde das auch nicht überzeugend: Sind sie nicht zerrissen dazwischen, ihr nicht eben nacktes Interesse zu verfolgen (Star werden) und andererseits aber ein „anständiger Mensch“ nach aktuellem Standard zu sein (allen die Daumen drücken usw.)? Und ist das Marx-Zitat nicht immer wieder zurecht als Beispiel für Marx‘ Denken vor seinen Überlegung über den Fetischcharakter angeführt worden?

  3. 3 Ugly Etta 08. Januar 2007 um 14:40 Uhr

    Kapitalismus kann sich halt nicht allein über das Wertgesetz reproduzieren, sondern brauch noch so allerhand anderes wie Familie, unbezahlte Reproduktionsarbeit und was sich sonst noch so anbietet.

  4. 4 Klaus Last 08. Januar 2007 um 15:15 Uhr

    schnack-bot:
    Was du da aufzählst ist gerade die wechselseitige Abhängigkeit innerhalb der Familie, welche sich über den Geldbeutel ausdrückt: Rente, Kindergeld etc.
    Die ideologischen Formen der Gemeinschaft – wie Nationalismus – sind nicht eigentlich dem Wertgesetz immanent, sondern werden über politische Instutitionen (Castingveranstalter) hergestellt, aber durch den Markt (Ausscheidungsverfahren), wo sich die Insassen der jeweiligen Nation als Konkurrenten gegenübertreten in Frage gestellt. Das ist doch gerade Bestandteil des oben beschriebenen Widerspruchs: Was ich an emotionalen (ideologischen) Beziehungen kenne, gerät des öfteren in Widerspruch zu meiner Konkurrenzposition.

    Ugly-Etta:
    Klar.

  5. 5 Klaus Last 08. Januar 2007 um 15:25 Uhr

    Classless:
    Das Zitat scheint mir auf den Punkt zu bringen, was die Wertvergesellschaftung herzustellen tendiert: Verdinglichte Subjekte, welche die anderen auch bloss in jenen Kategorien zu denken wissen. Mir scheint also deine Bemerkung über den Fetischcharakter nicht ganz zuzutreffen (oder wieso denkst du, dass die Wertvergesellschaftung von sich aus «anständige Menschen» hervorbringt?). Allerdings wird der Einzelne ja auch sozialisiert und (über die politischen und familiären Institutionen) den moralischen Normen unterworfen. Und hier ist das Zitat von Marx wohl tatsächlich falsch. Es müsste statt der Aufhebung der ideologischen Verhältnisse den Widerspruch zwischen Sozialisiserungsmodus und Vergesellschaftung zum Inhalt haben.

  6. 6 classless 08. Januar 2007 um 15:40 Uhr

    Das mit den „anständigen Menschen“ war so gemeint, daß die von dir beschriebenen Subjekte sehr wohl unterm Kapitalverhältnis befaßt sind, jedoch Identifikationsprobleme mit dieser Rolle haben, sich also in einem Widerspruch zwischen ihrer Interessenlage und ihrem Selbstbild („anständig“, „moralisch“ whatever) befinden.

    Es gibt immer die Option, seine Interessen nicht zu mögen oder – was wohl häufiger ist – zu leugnen. An der Stelle greift mir das mit der Rationalisierung zu kurz, denn das Selbstbild kann zuweilen von der realen Interessenlage völlig abgekoppelt sein.

    I hope I‘m getting less cryptical.

  7. 7 Klaus Last 08. Januar 2007 um 18:30 Uhr

    Ich weiss grad nicht, wo der Widerspruch zu meiner Ausführung liegt. Hmmm.

    Rationalisierung bedeutet, dass Menschen ihre unbewusste Motivation und die entsprechenden Handlungen nachträglich auf eine Rationale Grundlage zu stellen versuchen. Genau das machen die Leute doch: «Ich trete nicht gegen die anderen an, sondern für mich», «Der Ausländer, den ich grad totschlug, hat mir meinen Arbeitsplatz geklaut».

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